Beiträge zur Zukunft

Medien könn(t)en Kinder schützen!

Mai 11, 2019 11:20 am

Lieber Redakteur! Liebe Redakteurin!

Mein Appell an Sie!

Beim aktuellen Thema „Mobbing“ ersuche ich Sie um ihre Unterstützung, um ihr Verständnis und um ihre Professionalität, denn nur mit ihnen gemeinsam sind wir stark genug, diese Form der Gewalt und der leidvollen Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen zu stoppen!

Was ist Mobbing überhaupt?

Mobbing, das immer in Kontext mit Cybermobbing passiert, braucht einen „Zwangskontext“, also z.B. eine Klasse oder Gruppe; ist aber nie die Schule; ein „Machtungleichgewicht“, also zumindest eine Schülerin, einen Schüler, der sich nicht ausreichend zur Wehr setzen kann; die „Wiederholung“, das bedeutet es dauert Wochen, Monate oder Jahre; „Absicht“, d.h. Mobbing ist Gewalt hat für die Gruppe (MobberIn + VerstärkerInnen) einen Nutzen und zuletzt „Hilflosigkeit“; das Opfer – ich nenne es „an der Seele und am Körper verletzte Menschen“ – kann sich nicht zur Wehr setzen.

Gründe für Mobbing?

Die aktuelle Diskussion greift hier zu kurz, weil ein wesentlicher Grund für Mobbing das Fehlen von menschlichen Grundbedürfnissen – Sicherheit (Orientierung), Bindung (Liebe und Nähe), Freiheit (Selbstwirksamkeit), Spaß (Neugierde), Anerkennung (Erfolg, Respekt) ist.

Mobbing beginnt mittlerweile schon im Kindergarten und führt – aus meiner täglichen praktischen Erfahrung – bereits in der Volksschule in den 3. und 4. Klassen zu massiven Verletzungen von Kindern.

Prävention und Intervention

Um Mobbing zu reduzieren und Opfer zu identifizieren – und ihnen somit auch helfen zu können – braucht es eine Präventionsausbildung und unverzichtbar eine systemische Interventionsausbildung. Wenn nur Prävention angeboten wird, führt das ab der 3. Klasse Volksschule zu einer Sekundärviktimisierung, d.h. die bereits vorhandenen, aber nicht sichtbaren Opfer, werden wieder zu Opfern, weil sie sich erhoffen, dass ihnen aus ihrer leidvollen Situation geholfen wird.

Mobbing gemeinsam stoppen

Um (Cyber-)Mobbing zu reduzieren und den Opfern zu helfen braucht es vor allem eines: Professionalität; d.h. nicht die Zahlen sind relevant, sondern die Ausbildung sowie das kognitive, emotionale und methodische Wissen aller Beteiligten. 

Es braucht aber auch den Mut zu sagen, dass ohne Eltern-, ohne Familienförderung im Umgang mit Medien und Kompetenz, diese Form der brutalen Gewalt weiter zunehmen wird.

Und es braucht für Organisationen – hier ganz besonders für Kindergärten und Schulen mit dem organisatorischen, politischen und medialen Umfeld – „Masterpläne“, wie die Strukturen zu reagieren haben!

Nur dann – und wirklich nur dann – haben wir eine Chance, diese die Kinder und Jugendlichen und somit auch die Gesellschaft stark belastenden Gewalterfahrungen zu reduzieren; und daher bitte ich sie als Redakteurin, als Redakteur, um ihre Unterstützung!

Günther Ebenschweiger

Mobbing: die gesellschafts- und salonfähige Gewalt?

Mai 9, 2019 7:21 pm

Beispiel „Feindbild Ausländer“!
Bei der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklung ist das Phänomen „Feindbild Ausländer“ mit dem phasenorientierten und gruppendynamischen Mobbing-Prozess vergleichbar. Für mich besorgniserregend ist die hohe Emotionalität, die verbale und körperliche Gewaltbereitschaft und der neu entfachte Antisemitismus, mit der dieses „Feindbild Ausländer“ in Österreich zu Tage tritt. 

Mit diesen Zeilen will ich die indirekten Opfer – die ZuschauerInnen – ermutigen, diesen Mobbing-Prozess nicht still und leise hinzunehmen!

Ich zitiere dazu Prof. Dr. Gerald Hüther:

„Stellen wir uns ein Lehrerzimmer vor, wo jeder so tut, als käme er wunderbar mit seinen Schülern zurecht. Niemand verrät, was er für Probleme hat. Jeder leidet still vor sich hin und tut so, als sei er der beste. Als Mitglied eines solchen Teams, in dem ich nicht sagen kann, was ich denke, und wie alle nur eine Rolle spiele, könnte ich mich mit dem Kollegen neben mir auf ein Bier verabreden. Ich könnte ihm dabei erzählen, wie es mir wirklich geht. So zeige ich mich ihm als Subjekt.
Nun, sagen wir es so: Ich bin mutig genug, mich aus meiner Rolle zu begeben und „ich“ zu sein. Und da passiert etwas Verrücktes: Wenn sich einer als Subjekt emanzipiert, macht der andere das meist auch. Da sind wir schon zwei. Dann suchen wir weiter. Und vielleicht werden wir bald fünf sein, die sich einig sind. Dann überlegen wir, wie wir die Situation verändern.“

Der Informations-Versuch

In meiner täglichen Arbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen bin ich regelmäßig und intensiv mit Fragen zu Feindbildern konfrontiert. In der Gesellschaft allgemein mit dem „Feindbild Ausländer“, in den Seminaren und persönlichen Gesprächen mehr mit dem Thema „Rechtsradikalismus“. 
Diese Entwicklung ist mit dem Mobbing-Prozess vergleichbar: die gesellschaftlichen Veränderungen sind phasenorientiert, die Handlungen der MobberInnen und Verstärker gruppendynamisch und das Verhalten der ZuschauerInnen und der Opfer stimmt grundsätzlich mit der Entstehung von Mobbing überein.

Der Erklärungs-Versuch

Die Testphase:
Mobbing beginnt z.B. in einer Klasse mit der Testphase. Das heißt, ein Bub oder Mädchen – die zukünftigen MobberInnen – beginnt mit kleinen Gehässigkeiten an MitschülerInnen um herauszufinden, wer das größte „Machtungleichgewicht“ in dieser Klasse aufweist. Ist das Kind „gefunden“, wird mit kleinen Störungen – Beleidigungen, Anpöbelungen, Gehässigkeiten, Sachbeschädigungen, Diskriminierungen, Ausschluss … – Mobbing intensiviert; „Verstärker“ kommen dazu und es entsteht eine Gruppe, die jetzt gemeinsam mobben.

Die Konsolidierungsphase:
In den kommenden Wochen steigert sich das Mobbing, für das Opfer wird es immer schlimmer, Mobbing verlagert sich ins Netz, die körperlichen und Angriffe im Netz führen zu körperlichen und seelischen Verletzungen, Ängste sind an der Tagesordnung und die Hilflosigkeit gegen diese massive Gewalt der Gruppe ist ab jetzt Teil der Biografie dieses jungen Menschen. 

Die Manifestationsphase ändert den Werterahmen:
Die dritte und letzte Phase – die „Manifestationsphase“ – bedeutet, alle SchülerInnen (außer dem Opfer) dieser Klasse stehen außerhalb des „Werterahmens“. Für das Opfer bedeutet das jetzt bereits eine stabile und möglicherweise irreversible Opferrolle (psychosomatische Erkrankung, Depression, konkrete Suizidgedanken). 

(Mit-)Entscheidend, dass Mobbing in der Form geschehen kann, ist, dass der Rest der Klasse – die ZuschauerInnen – dem Opfer nicht helfen. Zu hundert Prozent aller SchülerInnen antworten mir auf die Frage, warum sie nicht geholfen haben, mit: „Weil ich Angst hatte, sonst selbst Opfer zu werden!“

Aktuell: Beispiel „Feindbild Ausländer“!

Wenn wir jetzt diesen beschriebenen Mobbing-Prozess auf die aktuelle gesellschaftliche Situation umlegen, finden wir die gleichen Abläufe.

Die Testphase: 
In dieser Phase – die, würde ich behaupten, haben wir schon hinter uns – wurde „getestet“, wie die ÖsterreicherInnen auf Angriffe auf das „Feindbild Ausländer“ reagieren. Es waren und sind genauso die regelmäßigen, die wöchentlichen „kleinen“ Sticheleien, Vorwürfe, Ausschlüsse, Beschimpfungen, wie in der Klasse.

Die Konsolidierungsphase:
Es gab und gibt – vermutlich auch aus Angst sonst selbst körperlich oder verbal angegriffen oder ausgeschlossen zu werden – kaum „Verteidigungen“ gegen diese Form des Mobbings und es gibt auch kaum Wissen über diese Prozesse und über erforderliches Verhalten. 

Die Manifestationsphase:
Die Manifestationsphase würde bedeuten, wir alle meinen „die Ausländer haben das ja verdient“ und verlassen damit den „noch“ bestehenden Werterahmen  – z.B. das Verständnis zur Demokratie, die Achtung vor Menschrechten, die Hilfsbereitschaft für andere. Nelson Mandela hat gesagt: „Gewalt gedeiht dort, wo die Achtung vor Menschenrechten fehlt!“ 

Wir als Gesellschaft sind gemeinsam befähigt, diesen phasenorientierten und gruppendynamischen Mobbing-Prozess in Form von verbaler, seelischer und körperlicher Gewalt gegen das „Feindbild Ausländer“, zu stoppen!

Ich hoffe, es gelingt uns!

Günther Ebenschweiger

Radikalisierung & Extremismus sichtbar(er) machen

April 7, 2019 8:43 pm

Wir brauchen Hilfe, Hoffnung und Ermutigung!
Gerade in einer Zeit in der viele „Abschied“ nehmen vom „Menschlich-Sein“! 

Hilfe, Hoffnung und Ermutigung geben!

Bei meinem letzten 2-Tages-Seminar „Radikalisierung: Das Gefühl ohnmächtig zu sein“ mit PädagogInnen wurde mir von einer Teilnehmerin folgende Frage gestellt: „Wie kann der „stille Teil“ (sie meinte SICH) der Gesellschaft mit den „lauten Schreiern“ – gemeint waren beispielsweise politisch und religiös rassistische, radikale und extremistische Aussagen und Haltungen – besser umgehen?“.

Ich würde grundsätzlich antworten: „Das ist zumindest eine Drei-Tages-Frage“, soll heißen, vor der Antwort gut nachzudenken, weil derzeit einiges darauf hinweist, dass sich die Lage nicht bessert und die Zielscheibe dieser Angriffe die Gesellschaft in ihre Vielfalt ist! 

Angehörige ethnischer Gruppen, nationale oder äußerlich erkennbare Minderheiten, Migrantinnen und Migranten, Menschen, die ihre Religion ausüben, Menschen mit einer anderen sexuellen Ausrichtung oder Geschlechtsidentität sowie Menschen mit Behinderungen sind Opfer von Vorurteilen und verbaler sowie körperlicher Angriffe; und angesichts der weiten Verbreitung und des Schadens, der den Opfern, ihren Angehörigen und der Gesellschaft insgesamt zugefügt wird, muss dringlich darüber nachgedacht werden, wer und wie man in Österreich auf diese Problematik reagieren soll?

Derartige Haltungen verletzen nicht nur das Opfer, sie verstoßen auch fundamental gegen Grundrechte, namentlich gegen die Würde des Menschen und das Recht auf Nichtdiskriminierung und wirken sich auf drei Ebenen auf die Rechte einer Person aus: auf Ebene des Einzelnen, der „Gruppe“ und der Gesellschaft.

Auf Ebene des Einzelnen bedeuten Radikalisierung & Extremismus eine offene Diskriminierung und Verletzung der Menschenwürde einer Person. 

Auf Ebene der „Gruppe“ haben derartige Haltungen das Potenzial, unter Gleichgesinnten auf positive Resonanz zu stoßen, die Gesinnungsgenossen somit zu Gewalt anzustiften und unter der Gruppe der potentiellen Opfer Angst und Einschüchterung zu verbreiten. 

Auf gesellschaftlicher Ebene spielen Radikalisierung & Extremismus ebenfalls eine Rolle, da sie gesellschaftliche Unterschiede und Abgrenzungen innerhalb des sozialen Gefüges verstärken und den grundlegenden Ideen von Menschenwürde, individueller Autonomie und einer pluralistischen Gesellschaft zuwiderläuft.

Radikalisierung & Extremismus gehen also über den Kontext der unmittelbar beteiligten Personen hinaus. Sie betreffen Personenkategorien, die durch bestimmte, im gesellschaftlichen Diskurs verbreitete Vorurteile abgegrenzt und geformt werden. Somit vermitteln Radikalisierung & Extremismus nicht nur an das unmittelbar betroffene Opfer eine bittere „Botschaft“. 

Diese „Botschaft“ ist auch für jene von Belang, die mit den Gruppen sympathisieren und sich durch deren Verhalten in ihren vorurteilsgeleiteten Haltungen bestätigt und gestärkt fühlen und haben Auswirkungen auf die „anderen“, die ein potenzielles Risiko erkennen können, in ähnlicher Weise verletzt, stigmatisiert oder viktimisiert zu werden.

Gleichzeitig gilt es, die mittlerweile weite Verbreitung und „Normalität“ von Radikalisierung & Extremismus zu betonen: „Die Gefühle, die diesen Haltungen zugrunde liegen, sind eng mit dem strukturellen Gefüge der Gesellschaft verwoben und bilden eine zentrale Komponente des „Gesunden Menschenverstandes“, der bei vielen Menschen – wie die Vergangenheit leider nur allzu deutlich zeigt – unter den richtigen Umständen unvermittelt und brutal an die Oberfläche brechen kann; und das ist extrem beunruhigend“.

Aus diesen Gründen ist es von entscheidender Bedeutung, sich mit Radikalisierung & Extremismus politisch, medial und gesellschaftlich deutlich und laut auseinanderzusetzen und diese mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommenen Haltungen zu korrigieren!

„Keine Regierung und keine Bataillone 
vermögen Recht und Freiheit zu schützen, 
wo der Bürger nicht imstande ist, 
selber vor die Haustüre zu treten und 
nachzusehen, was es gibt!“

Gottfried Keller: Züricher Novellen

Günther Ebenschweiger