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Wenn Opfer verhöhnt werden

November 8, 2018 6:48 pm

 

Das sechsjährige Mädchen aus Südengland ist aktuell ein Mobbing-Opfer von tausenden Mobbing-Opfern in Europa. Wie üblich gibt es nach solchen Medienberichten sofort Wortmeldungen von einzelnen, aber auch von Organisationen, die medial darauf hinweisen, viel für solche Opfer in Schulen zu tun oder Ansprechpartner zu sein.

Und Medien „unterstützen“ diese Form der Öffentlichkeitsarbeit | Werbung und lösen damit möglicherweise unbewusst „Trigger“ aus oder die Texte, Bilder, Worte … führen zu einer „Sekundärviktimisierung“ der Opfer.

Kurz:
Trigger bedeutet, Opfer erleben durch Text, Bild, Sprache … emotional die Tat so, als wäre diese mit dem damit verbundenen Stress real und Sekundärviktimisierung meint, ein Mobbing-Opfer wird durch die Erkenntnis, dass ihr | ihm, obwohl angekündigt, wieder niemand hilft, erneut zum Opfer.

Das ist eine „Verhöhnung der Opfer“, weil es in Österreich tatsächlich kaum professionelle, wirksame, nachhaltige und vernetzte Angebote gibt und – wenn man sich mit diesem Thema intensiv auseinandersetzt – vor der Schule, auf die Verantwortung der Eltern aufmerksam machen muss.

Es stellen sich die einfachen Fragen, „Warum kommt es immer öfter zu Mobbing?“, „Warum bemerken Eltern davon nichts?“ und „Warum erzählen Kinder ihren Eltern davon nichts?“.

Die Gründe sind sicherlich vielfältig und kurz zusammengefasst doch eindeutig:
Die deutsche Achtsamkeitsstudie aus 2017 zeigt auf, dass sich jedes dritte Kind unbeachtet fühlt und das mit gravierenden Folgen; Kinder und Jugendliche weisen Defizite in ihrem Selbstbewusstsein, im Vertrauen, ihrer Lebenszufriedenheit und Empathiefähigkeit auf – das Gefühl der Geborgenheit geht verloren und die Kinder bleiben mit ihren Ängsten allein.

Es kommt daher

mittlerweile sehr oft zu Mobbing – aus meiner eigenen Erfahrung ab der 3. und | oder 4. Volksschulklasse – , weil Kinder diese fehlenden menschlichen Grundbedürfnisse wie Liebe, Anerkennung, Wertschätzung, Lob, Bindung immer weniger zuhause erfahren und sich als MobberIn in der Klasse (Peergroup) „(zurück-)holen“;

bei MobberInnen und Mobbingopfern auch immer weniger Vertrauen zu den Eltern besteht;

dadurch die Mobbing-Opfer nicht mit den Eltern darüber reden, sondern oft jahrelang schweigen und

Eltern aus diesen Gründen auch nichts bemerken.

Mobbing ist ein phasenorientiertes Gewalt-Phänomen, das durch nichts zu rechtfertigen, durch nichts zu tolerieren und durch nichts zu akzeptieren ist und hat grundsätzlich nichts mit der „Schule“, sondern mit Klassen im Sinne von „Zwangskontext“ zu tun.

Und – das werde ich auch immer gefragt – es hat mit „Machtungleichgewicht“ in den Klassen zu tun, wobei die Klasse als „Peergroup“ eine zentrale Rolle spielt. Ein Machtungleichgewicht entwickelt sich dann, wenn eine Schülerin, ein Schüler, sich nicht gegen die vielen – vorerst meist „kleinen“ und folgenden brutalen Menschenrechtsverletzungen, aus welchen Gründen immer – verteidigen kann; und daher kann es alle treffen!

Um (Cyber)Mobbing als massive Gewaltform zu reduzieren, müsste auf mehreren Ebenen in der Prävention und Intervention angesetzt werden: Eltern, PädagogInnen und Kinder | Jugendliche. Ohne zusätzliche systemische Intervention zur Prävention ist ab der 3. Klasse Volksschule praktisch jeder Einsatz eine „Verhöhnung der Opfer“, weil damit Mobbing-Opfer praktisch nicht identifiziert werden können.

Meine abschließende Bitte richtet sich an die Medien, nicht mitverantwortlich zu werden, bei tausenden Opfern – auch bei sexualisierter Gewalt, häuslicher Gewalt, Mobbing … – mögliche Trigger und | oder Sekundärviktimisierung zu erzeugen, sondern auch zu hinterfragen, ob Organisationen tatsächlich das Rüstzeug, wie zum Beispiel die erforderlichen Ausbildungen dazu haben und auch zeitliche und finanzielle Ressourcen dafür einsetzen oder eben nur die Gunst der Stunde eines Opfers für sich als „Werbung“ nutzen!

Wer sich zu diesem Thema tatsächlich für Antworten und eine unmittelbare und wirksame Unterstützung der Opfer interessiert, hat noch die Möglichkeit, sich für den 7. Österreichischen Präventionskongress am 12. und 13.11.2018 in Graz anzumelden und Franz Hilt an beiden Tagen zu erleben!

Günther Ebenschweiger

www.praeventionskongress.at