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Wenn Tränen deinen Weg begleiten

August 5, 2018 2:44 pm

 

Eine Schule mit SchülerInnen zwischen 10 und 14 Jahren bat mich in einer 2. Klasse um eine zweitägige Mobbing-Intervention.

Der Grund waren Streitigkeiten zwischen SchülerInnen und damit verbunden Verhaltensauffälligkeiten, Lern- und Unterrichtsstörungen bis hin zu „mir ist so langweilig“!

Eine Anmerkung voraus: In allen Bundesländern hatte ich im vergangenen Schuljahr nur eine Klasse, in der kein Mobbing-Opfer saß; in allen anderen Klassen konnte ich ein bis zwei Opfer identifizieren und ihnen auch helfen!

Der 1. Tag:

Der 1. Tag der Mobbing-Intervention verlief wie bei den vielen anderen Schulen des vergangenen Schuljahrs wie gewohnt. Am Abschluss des 1. Tages war das Mobbing-Opfer – ein Bub – identifiziert und die weiteren Schritte mit den Eltern und der Intervention am kommenden Tag mit der Klassenlehrerin und dem Sozialarbeiter in einer Reflexionsstunde besprochen.

Der 2. Tag:

Nach einer Wiederholung startete die Mobbing-Intervention, also die „Auflösung“ der Frage an die Kinder | Jugendlichen am Vortag „Wer wird am häufigsten gehänselt, fertig gemacht, schikaniert; an wem werden die meisten Menschenrechte verletzt?“

Zuerst folgt generell absolute Stille bzw. absolutes Schweigen, dann folgen viele Tränen; seitens des Opfers und auch der Klasse, weil „Gewalt – und Mobbing ist massive und durch nichts zu rechtfertigende, zu akzeptierende und zu tolerierende Gewalt – macht mit jedem von uns, im besonderen Fall mit den SchülerInnen und den PädagogInnen, was!“

Es sind aus meiner mehrjährigen Erfahrung „Tränen der Erleichterung“, denn das Opfer und die Klasse wussten vom Mobbing schon immer; erst jetzt wissen wir es auch!

Die nächsten Schritte sind „Gewalthandeln benennen lassen = Betroffenheit ermöglichen“, „Einfühlungsvermögen fördern“, „mit den Verhaltensaufhängern für die Aggression arbeiten“, Anspruch auf Unterlassung verdeutlichen“, „ein Helfersystem etablieren“ und für die „Nachsorge – die Überwachung der Menschenrechte“ sorgen.

Bis dahin würde ich sagen war alles im „grünen Bereich“! Nach der Pause wurde ich von der Klasse gebeten auf Kärtchen schreiben zu dürfen, wie es ihnen allgemein persönlich geht.

In Sekundenbruchteilen überwältigt

Dann begann der 1. Schüler zu weinen und teilte uns mit, dass sein bester Freund „Selbstmord“ wegen Mobbings begannen hat; nach einigen Minuten der Trauer, der Bestürzung und auch der Hilflosigkeit sagte die nächste Schülerin mit viel Weinen, dass auch ihre Freundin wegen Mobbings „Selbstmord“ begangen hat.

Eine Situation, die alle Anwesenden in Sekundenbruchteilen überwältigt hat und – wären wir nicht ausgezeichnet geschult und hätten uns nicht die dafür erforderlichen Kompetenzen angeeignet – überfordert hätte.

So konnten wir gemeinsam professionell reagieren und agieren und auch die weiteren Gefühle der SchülerInnen und diese besondere Situation auffangen.

Ein für mich unvergesslicher Tag, eine unvergessliche Klasse, eine unvergessliche Situation, die wieder einmal gezeigt hat, dass die Professionalität in Kombination mit Qualität in der Prävention das Um und Auf für Wirksamkeit, Wirkung und Nachhaltigkeit sind.

Qualität und Prävention ist das Thema des heurigen 7. Österreichischen Präventionskongresses am 12. und 13. November in Graz.
Informationen unter www.praeventionskongress.at

Online-Anmeldungen ab September!

 

Gewalt; eine Grenzverletzung mit massiven Folgen für Kinder und Jugendliche

August 5, 2018 11:39 am

Gewalt; eine massive Grenzverletzung mit massiven Folgen für Kinder und Jugendliche
Signale bedeuten Not und bedeuten „Ich brauche Hilfe!“

Meine Präventionsaktivitäten des 1. Halbjahres 2018 sind am vergangenen Freitag mit einem sehr bewegenden Wochen-Seminar zu Ende gegangen.

21 Jugendliche hatten sich in einer anonymen Abstimmung als Themen dieser Seminar-Woche Sucht | häusliche Gewalt | sexualisierte Gewalt und Mobbing | Cybermobbing gewünscht.

Beim 1. Kennenlernen am Montag wurde mir bereits bewusst, dass es sich um Jugendliche handelt, die – symbolisch gemeint – einen „schweren Rucksack“ mit eben diesen Themen mit sich herumtragen.

Dementsprechend sensibel und behutsam war mein Einstieg mit Hinweisen auf Traumata, Trigger und auf PTBS und der Hinweis jederzeit das Seminar bzw. das Thema verlassen zu dürfen. Anzumerken ist, dass permanent zwei TrainerInnen und zumindest eine Psychologin anwesend war.

Die täglichen Rückmeldungen waren – obwohl wir gemeinsam jeden Tag acht intensive Stunden an diesen Themen arbeiteten – sehr positiv, wie ich aus dem Abschluss-Blitzlicht und den überwiegend grünen Karten sehen konnte (auch Feedback-Auszug).

Sehr bewegend und bestürzend für alle war, dass immer wieder Jugendliche während des Seminars mit der Psychologin den Raum verließen, weil sie | er sexualisierte Gewalt erlebt hatte und dieses Erleben übermächtig wurde, weil sie | er so starkes Mobbing erlebt hatte und ein Gespräch mit der Psychologin suchte, weil sie | er wegen der sexuellen Orientierung starkes Mobbing erlebt hatte und das Thema nicht mehr ertragen konnte oder auch weil sie | er bis zu diesem Tag massive häusliche Gewalt erlitten hatte und diese Gewalt spürbar wurde.

Eine Seminar-Woche, die mir jeden Tag die Gewalt-Realität dieser 21 jungen Menschen vor Augen führte und die – wie immer – in mir sehr ambivalente Gefühle auslöste; von Zorn, Wut über Hilflosigkeit, Traurigkeit bis hin zu Ermutigung und neuer Energie nicht aufzugeben!

Trotz besseren Wissens lassen wir es nach wie vor in Österreich zu, dass diese Kinder bzw. im konkreten Fall diese 21 Jugendlichen, in ihren Familien vielfach jahrelang Gewalt erleben. Wir als Gesellschaft, als Verantwortliche, als EntscheidungsträgerInnen schauen zu, schauen weg, handeln nicht und wenn doch zumeist falsch, weil kaum jemand (Gewalt-)Prävention ernst nimmt oder aktiv dafür eintritt und in Österreich daher kaum Kompetenzen dafür entwickelt wurden.

Die Folgen dieses Gewalterlebens konnte ich bei diesen Jugendlichen erkennen und ich habe mich wieder einmal geschämt für unsere teilnahmslose, hilflose, zuschauende und zugleich brutale Gesellschaft.

 

Ich möchte mit Worten von Dr.in Margret Aull enden:
Wenn man über gewaltbetroffene Kinder spricht und sie wirklich ein Stück in den Raum holt, ist Schwere da, Betroffenheit, Wut, Trauer und Schmerz. Ich habe von diesen Kindern sehr viel gelernt. Was ich von ihnen gelernt habe, ist, dass sie wie die kleinen Rumpelstilzchen werden, wenn wir sie nur als Gewaltopfer sehen. Sie sind zugleich Kinder, die gern z. B. mit Barbiepuppen spielen, die gern mit FreundInnen was machen, die große Sehnsucht haben, ganz normale Kinder zu sein. Sie sind darauf angewiesen, dass wir in unserem Mitfühlen und Mitleiden nicht untergehen, sondern ihre kindgemäße Lebendigkeit, ihre Wut und ihre Fähigkeiten zugleich wahrnehmen und mit ihnen leben.

Ein nachdenklicher
Günther Ebenschweiger

 

Feedback der Jugendlichen (Auszug)

  1. Zu den Themen habe ich einiges gelernt, zum Beispiel, dass man nicht alles aus einer Perspektive sehen sollte
  2. Das Thema Mobbing hat mich persönlich sehr berührt und mich über meine aktuelle Situation nachdenken lassen
  3. Wie gesagt, ich werde meine „Ersatztankstellen“ beim Thema Sucht ab nächster Woche reduzieren
  4. Dass Mobbing und Gewalt durch nichts zu rechtfertigen ist und dass ich Stärken stärken und meine Schwächen vermindern werde
  5. Ich verstehe alles ein bisschen besser und ich hätte nie gedacht, dass ich mich einmal so für diese Themen interessieren werde
  6. Mich haben besonders die Themen Gewalt und Mobbing emotional berührt, weil es mir selber widerfahren ist, aber ich habe auch gelernt mit dem Schmerz umzugehen und das wird mir helfen, mein belastendes Leben um einiges besser zu gestalten
  7. Ich werde in meinem Leben in den nächsten Wochen Sucht verringern
  8. Das Thema Mobbing hat mich persönlich sehr berührt, da ich weiß, wie sich das Opfer fühlt, weil ich selbst auch in dieser Rolle bin. Da ich ein guter Mensch bin, werde ich jedem anderen meine Hilfe anbieten, auch wenn er in der Täterrolle ist
  9. Mich haben alle Themen sehr berührt und begeistert und ich habe auch viel darüber nachgedacht
  10. Ich habe für mich mitgenommen: Niemals mit Drogen anzufangen, auch wenn es mir schlecht geht. Ich rede lieber mit Freunden, Familie oder PsychologInnen.
  11. Ich habe während des Seminars vieles gelernt. Wenn ich in Schwierigkeiten stecke, sollte ich mir Hilfe suchen und stark und selbstbewusst sein
  12. Wenn jemand so ein Problem hat, werde ich helfen. Jetzt weiß ich besser, wie ich helfe.
  13. Sollten in Zukunft solche Themen in Zusammenhang mit mir oder Freunden stehen, werde ich die Tipps und Ratschläge anwenden und ihnen Hilfe vorschlagen. Die TäterInnen sollten sich mal in die Lage des „Opfers“ hineinversetzen um zu begreifen, wie schwer und hilflos das Leben sein kann
  14. Bei meinen Schwächen muss ich mir noch Mühe geben.
  15. Das Thema Mobbing hat mich persönlich sehr getroffen, da ich früher auch damit zu tun hatte. Früher hat mein Freund auch Mitschüler gemobbt und ich war sozusagen „Mitläufer“. Jetzt im Nachhinein tut mir das alles sehr leid, weil ich nicht wusste, wie es den Opfern gegangen ist
  16. Bei den Schwächen habe ich die neue Erkenntnis gefunden, dass ich arrogant und aggressiv bin. Die Themen sexualisierte und häusliche Gewalt haben mich berührt und traurig gemacht
  17. Dass man Mut haben soll, sich Hilfe holen soll und das man die Probleme nicht in sich hineinfressen soll.
  18. Es werden immer die Schwächeren gemobbt, also die, die sich nicht wehren können. Man kann sich immer Hilfe suchen bei den Eltern, Freunden, Psychologin usw.
  19. Wie ich meine Ziele durchsetzen kann, einfach durchhalten und Unterstützung suchen
  20. Nun kenne ich die Warnzeichen für häusliche Gewalt. Vielleicht kann ich es dann durch Hilfe holen verhindern

 

Gruppen-Feedback: Meinungen vor und nach dem Seminar

 

Fakten zur Gewalt in Familien
Mindestens 80 % der Kinder erscheinen allein durch Zeugenschaft deutlich belastet
Das Risiko psychischer Erkrankungen ist verdreifacht
Mehr internalisierende (stille) als externalisierende (laute) Störungen
Risiko für akute Belastungsstörung, bis zu Traumatisierung (PTSD), Traumafolgestörungen

Folgen Babys | Kleinkinder
Erhöhte Irritierbarkeit, Schlafstörungen, Trennungsängste, exzessives Klammern, Risiko für Bindungsentwicklung

Folgen Vorschulkinder
Schwierige Emotionsregulation, Trotzen, Ängste, psychosomatische Beschwerden, Schuldgefühle (aufgrund Egozentrismus)

Folgen Schulkinder
Metakognition macht Reflexion möglich: Schamgefühle, tiefer Selbstwert, Geheimnis haben müssen: Isolierung, Erklärungen suchen, unzulässige Zuschreibungen, Identifikation mit Täter (v.a. Buben), entwickeln von aggressivem Verhalten, beeinträchtigt soziale Integration,
Leistungsprobleme, „Minderleister“ in der Schule, moderiert viel Aufmerksamkeit

Folgen Jugendalter
Emotionale und instrumentelle Parentifizierung (auch schon früher), Wach- und Schutzfunktion: Schutzschild, eventuell forcierte Ablösung vs. fehlende Ablösung, Substanzmissbrauch: „turning out“, Störung beim Aufbau intimer Beziehungen (fehlendes Modell), aggressive Muster vs. Rückzug

Fazit:
Kinder sind beeinträchtigt: Befinden | Entwicklung
Kinder werden schwierig (für sich und andere)

Achtung: Weitergabe Muster an nächste Generation!