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Die hausgemachte Gewalt

Januar 26, 2018 8:03 pm

„Sei stark – Kinder schützen und stärken bei häuslicher Gewalt“ ist ein Projekt des Clubs Soroptimist International Fürstenfeld AquVin mit Aufklärung, Prävention, Intervention und Vernetzung.

Ich danke den Soroptimistinnen und auch den Eltern, Schulen, Kindern und SponsorInnen für die finanzielle und ideelle Unterstützung und für die Teilnahmen an diesem Mehrebenen und -phasen-Projekt, d.h. PädagogInnen- und Eltern-Schulung, Schüler-Workshops, Kindersprechstunde und Vernetzung mit Fachstellen.

Sackgasse
Häusliche Gewalt zählt mit sexualisierter Gewalt und damit mit Traumatisierung, Abhängigkeit, Schweigen, Isolation, Scham, Ohnmacht, Schuld, Ausgeliefertsein, Angst … heute zu den Gewaltformen mit hohen Fallzahlen und Dunkelfeldzahlen und ist trotzdem in einer hausgemachten Sackgasse angekommen.

Dabei begann in Österreich mit der Schaffung des Sicherheitspolizeigesetzes – §§ 38a ff – vor über 20 Jahren alles wunschgemäß!

Nach diesem ersten folgten aber bis heute keine weiteren wichtigen Schritte; beispielsweise primärpräventive Ansätze, eine gemeinsame gesellschaftliche Haltung zur Gewalt, niedrigschwellige Ansprech- und Beratungsstellen, Wahrnehmung der Kinder, auch wenn sie „nur“ mittelbar als Zeugen durch Gewalt betroffen sind, interdisziplinäre Zugänge für die Vorbeugung und den Schutz der Familien, gemeinsame Kampagnen und Interventionsansätze …; denn der wichtigste Risikofaktor, um wieder Opfer oder Täter zu werden ist – schon einmal Opfer gewesen zu sein (Weitergabe-Muster an die nächste Generation)!

Was brauchst aus meiner Sicht?

Liebe Leserin, lieber Leser!
Persönlich empfinde ich Bestürzung und auch Trauer für die tausenden kindlichen und erwachsenen Opfer beim Thema „häusliche Gewalt“ und Gewaltphänomen Nr. 1 in unserer Gesellschaft.

Im Grunde Fassungslosigkeit, weil ich unsere „lahme“ Haltung zur Gewalt generell und in Partnerschaften, das aktive und plakative Leben der Geschlechterrollen im Kontext Gewalt, die starre Zuweisung als Opfer und Täter (Frau und Mann), die Annahme mit „Reparatur“ werden wir die zukünftige Gewalt reduzieren, das Durchführen von millionenschweren Kampagnen ohne die gesellschaftlichen Realitäten zu berücksichtigen, das „den Kopf in den Sand stecken, anstatt zu handeln“ uvm. nicht verstehen kann und will!

Meine Wünsche!

Um Opfer zu reduzieren und Opfern zu helfen wäre mir wichtig

  1. ein neues Verständnis für Gewalt-Prävention z.B. in Schulen, als Partner der Intervention, weil wir damit mit einem professionellen Mehrebenen und -phasenmodell heutige und zukünftige Generationen davor bewahren können, Opfer und | oder TäterInnen zu werden;
  2. Förderungen für (primäre) Prävention derzeit zusätzlich zu den Interventionsansätzen, weil es ein paar Jahre dauern wird, die Gewalt in der Gesellschaft zu thematisieren und die Opfer zu reduzieren;
  3. ein neues Verständnis und neue Kooperationen für mediale Unterstützung;
  4. eine gesellschaftliche Haltung zu (häuslicher) Gewalt; Gewalt ist nicht tolerierbar, ist nicht zu akzeptieren und durch nichts zu rechtfertigen. Solange wir darüber diskutieren, ob eine Ohrfeige Gewalt ist oder nicht, solange unterstützen wir damit die Rechtfertigungsstrategien der TäterInnen;
  5. Kampagnen, die beide Geschlechter berücksichtigen! Wenn Frauen als Opfer und Männer als Täter postuliert werden, werden auch in Zukunft Frauen Opfer und Männer Täter bleiben;
  6. weg mit den „triggernden“ Fotos. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn selbst in Kampagnen gegen Gewalt nach wie vor Opfer-Fotos verwendet werden; pure Trigger für Opfer und eine Schande für die, die so was trotz besseren Wissens noch einsetzen;
  7. neue Formen von persönlicher Beratung. Die Hemmschwelle für Opfer, sich an jemanden zu wenden, ist riesig. Mitentscheidend ist, die sachliche Aufklärung am besten vor Ort, ohne Druck und das Verständnis für die Situation;
  8. eine akzeptierende gesellschaftliche Haltung zu Opfern und auch TäterInnen. Wenn eine Frau den Mut hat, in ihrem Umfeld jemanden davon zu erzählen, „erntet“ sie vor allem Mitleid, dann folgen die Fragen „warum erst jetzt“ und „warum hast du dir das gefallen lassen und dich nicht gewehrt“ und sehr oft wird ihr nicht geglaubt, wenn sich ein Mann als Opfer „outet“ ist er ein Schwächling, ein Weichei und wird als unmännlich angesehen und wenn sich TäterInnen an die Öffentlichkeit wenden, werden sie als „Monster abgestempelt. „Wer die Wahrheit benennt ist schuldig“ oder nach einem arabischen Zitat „Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd“ sind heute leider mehr als zutreffend.

Es wird von uns allen – ganz besonders aber von den Medien, der Politik und der Wirtschaft – abhängen, ob es das folgenschwere Thema „häusliche Gewalt“ in den Blickpunkt der Gesellschaft schafft oder wir weiterhin „mithelfen“ tausende kindliche und erwachsene Opfer zu „produzieren“ und unsere Zukunft damit nachhaltig zu schädigen!

 

Die Fakten in Stichworten

Aufwachsen im Kontext von Gewalt
Wenn Gewalt und Willkür den Ort, wo Sicherheit und Geborgenheit erlebt werden sollte, beherrscht, können Kinder in ihrem Vertrauen grundlegend erschüttert und in ihrer Entwicklung und Entfaltung massiv beeinträchtigt werden. (Strasser 2006)

„Gesicherte“ Aussagen zur Epidemiologie
Die Dimensionen von Kindesmisshandlung sind enorm, multiple Viktimisierung ist eher die Regel, Vernachlässigung ist dabei die häufigste Form der Misshandlung und Mädchen werden häufiger sexuell missbraucht!

Identität und häusliche Gewalt
Das Selbst- und Miterleben häuslicher Gewalt bedeutet für Kinder eine tiefgreifende emotionale Verunsicherung, die sich in der gesamten Entwicklung der Kinder widerspiegelt!

Folgen für Kinder allgemein
Mindestens 80 Prozent der Kinder erscheinen allein durch Zeugenschaft deutlich belastet, das Risiko psychischer Erkrankungen ist verdreifacht, es gibt mehr internalisierende (stille) als externalisierende (laute) Störungen und das Risiko für eine akute Belastungsstörung, bis zu Traumatisierung (PTSD) und Traumafolgestörungen ist hoch!

Formen des Miterlebens häuslicher Gewalt
Die Anwesenheit im Raum während der Gewalttätigkeit, das Erleben der Aus- und Nachwirkungen der Gewalt in Form von Verletzungen oder Verzweiflung der Mutter, die Instrumentalisierung der Kinder als Druckmittel gegenüber der Mutter als Mittel der Gewalt und das Miterleben der emotionalen und psychischen Misshandlung der Mutter in Form von Demütigung, Kontrolle und Verachtung!

Spannungsfelder der Kinder
Die Kinder sind auf sich allein gestellt, da die Eltern vom Konflikt absorbiert sind, sie versuchen die Gewalt zu verhindern; räumen auf; versorgen die Wunden, sorgen sich um (jüngere) Geschwister, sind isoliert, „wahren“ das Familiengeheimnisses und haben entsprechende Loyalitätskonflikte!

Gewaltopfer sind …
… extrem misstrauisch und ängstlich, haben kein Selbstvertrauen, ohnmächtig, meist ausgeprägte psychische Symptome (Schlaflosigkeit, Albträume, innere Unruhe, Depressivität, Ängstlichkeit, Schwierigkeiten im Sozialkontakt …) und oft Schmerzen (Rücken, Kopf)!

Ohne Resonanz in Beziehungen gibt es keine normale Entwicklung, kein Gefühl für und keine Vorstellung von Sicherheit!

Bilanz:
Insgesamt lassen sich die Kosten für häusliche Gewalt relativ präzise schätzen. Man gelangt so zu Kosten von rund 200 Millionen Euro pro Jahr.

 

Günther Ebenschweiger
Präsident und Geschäftsführer