Netzwerk

Bitte wählen Sie einen Bereich:

Fenster schließen

(Cyber-)Mobbing: Fakten & Wissen

Januar 30, 2017 12:30 pm

(Cyber-)Mobbing: Beginnt klein und endet dramatisch!

Leider – und das ist für die jungen Opfer so fatal – gibt es ein immenses Wissensdefizit über dieses multidimensionale und phasenorientierte Gewalt-Phänomen.

 

(Cyber-)Mobbing: Ist Gewalt gegen Seele, Körper und Eigentum

Die Zahlen: 28 Prozent und damit tausende betroffene Opfer im Alter von neun bis 17 Jahren, in neun von zehn Klassen gibt es (Cyber-)Mobbing und vier Prozent der Kinder und Jugendlichen sind traumatisiert, sind alarmierende Zahlen und Aussagen von ExpertInnen.

 

(Cyber-)Mobbing: Das System der Schikane

Multidimensional und phasenorientiert: (Cyber-)Mobbing ist kein Randphänomen und die Kräfte die dahinter stehen sind enorm. Multidimensional bedeutet, dass (Cyber-)Mobbing abhängig ist von der Erziehung bzw. den Erziehungsstilen und der Medienkompetenz der Kinder und Jugendlichen, vom Sozialraum Schule und hier besonders von der Klassenzusammensetzung und dem Schulweg und auch von der Freizeitgestaltung der SchülerInnen.

Das verlangt einen professionellen und multidimensionalen (Cyber-)Mobbing-Präventions- und Interventionsansatz!

„Wenn (Cyber-)Mobbing „gut gemacht ist“, kannst du es nicht sehen“, wissen die ExpertInnen!

 

(Cyber-)Mobbing verläuft idealtypisch in drei Phasen:

1. Testphase

Eine Schülerin, ein Schüler, sucht seine fehlenden Grundbedürfnisse wie Anerkennung, Liebe, Spaß, Sicherheit ersatzweise über ein Opfer zu erreichen. Nach einer konkreten Suche, wer sich zum Demütigen und Herabwürdigen am besten eignet, wird diese(r) Mitschülerin, dieser Mitschüler, als Opfer auserkoren; das Machtungleichgewicht hat hier die höchste Priorität!

Hier ist professionelle (Cyber-)Mobbing-Prävention noch möglich!

2. Konsolidierungsphase

Nach dieser „Testphase“ folgt die Konsolidierungsphase! Das markante Merkmal dieser Phase ist die Differenzierung der Rollen. Sogenannte AssistentInnen gehen der Mobberin, dem Mobber, zur Hand; die Vorteile für sie sind Sicherheit, Zugehörigkeit, Macht, Spaß und Anerkennung.

Wer dazu beiträgt, dass ein anderer zum Opfer wird, verringert die Gefahr, selbst Opfer zu werden (das sagen mir 99 Prozent aller SchülerInnen).

Wer zu einer starken Gruppe gehört, spürt die Gemeinschaft und die eigene Macht.

Hier ist professionelle (Cyber-)Mobbing-Intervention noch möglich!

Warum verschweigen die Opfer ihr Leid?

In der Konsolidierungsphase leidet das Opfer bereits stark. Häufig treten somatische Symptome wie Schlafstörungen, Kopf- und Bauchschmerzen auf; viele weinen zuhause sehr oft, ziehen sich zum Beispiel auf ihr Zimmer zurück, die Fehlstunden werden größer, die Schulnoten werden schlechter und Krankenhausaufenthalte sind wahrscheinlich (bestätigte Aussagen vieler junger Opfer!).

Dennoch verschweigen die meisten Mobbing-Opfer, was ihnen widerfährt!

Die Gründe dafür sind:

Das Opfer hat große Angst, dass ein Eingriff der Erwachsenen alles noch schlimmer macht. Leider ist diese Angst berechtigt, denn der Einsatz ungeeigneter Interventionsmethoden verstärkt das Mobbing.

Zitat eines 17jährigen (Cyber-)Mobbing-Opfers in Kärnten:

„Wenn ich das meinen Eltern erzähle, rennen mir die in Schule, plärren mir die Direktorin und die PädagogInnen zusammen und damit sinkt mein Standing in der Peergroup ins Bodenlose!“ Damit hat er recht, weil dadurch besteht in der Klasse „Alarmstufe rot“ und die Dynamik läuft noch schneller ab!

Das Opfer hat sich bereits ansatzweise Erwachsenen anvertraut und als Reaktion wenig hilfreiche Kommentare erhalten, etwa: „Du musst dich halt wehren“, „Das gibt sich schon wieder“, oder: „Du bist bestimmt auch nicht unschuldig.“

Das Opfer will den Eltern das eigene Leid ersparen und sie dadurch schonen. Es weiß zudem, wie begrenzt der Einfluss der Eltern ist, und ahnt, welcher zusätzliche Schaden durch eingreifende Eltern entstehen kann.

Das Opfer befürchtet elterliche Vorwürfe wie:

„Warum hast du mir denn nichts gesagt. Vertraust du mir denn nicht?“

Das Opfer will nicht petzen.

Die Täter haben zusätzliche Attacken für den Fall angedroht, dass sich das Opfer an Erwachsene wendet.

Das Opfer fühlt sich schuldig, macht sich Vorwürfe und fragt sich: „Was ist an mir falsch, dass ich das alles abbekomme?“

Es ist angesichts seines Andersseins überwältigt von Schamgefühlen und identifiziert sich zunehmend mit den Herabwürdigungen der Täter.

3. Manifestationsphase

Während es bisher unterschiedliche Meinungen in der Klasse gab, herrscht in der Manifestationsphase weitestgehend Einigkeit bezüglich der Ausgrenzung des Opfers. Bis auf ein oder zwei Unbeteiligte sind alle als Täter, Assistenten oder Claqueure aktiv.

Hatten etliche MitschülerInnen anfangs ein schlechtes Gewissen, so erleben sie ihr Tun jetzt als moralisch gerechtfertigt. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Gewissensbisse verschwunden. „Je länger die Schikanen andauern, desto größere Teile der Klasse halten die Aktionen des Täters gegenüber dem Opfer für gerechtfertigt“.

Aus Sicht der SchülerInnen gelten der formelle Werte- und Normenrahmen und damit die Grund- und Menschenrechte für das Opfer nicht mehr. Es gilt der dissoziale, informelle Werte- und Normenrahmen der Gruppe.

Das Opfer befindet sich im Sozialraum einer Subkultur mit eigenem menschenfeindlichen Werte- und Normenrahmen und kann dessen Angriffen nicht mehr entgehen. Ein „Staat im Staate“ hat sich etabliert. Das Quälen, Schikanieren, Herabwürdigen und Demütigen des Opfers ist informell legitimiert und zur „Klassenräson“ geworden.

Die zunehmende Dramatik der Konsolidierungs- und Manifestationsphase ist eines der bedrückendsten Merkmale, durch die sich Mobbing von anderen Konflikten unterscheidet.

Für das Opfer wird das Ausbrechen aus seiner Rolle immer schwieriger. Seine Unbeliebtheit und Isolation nehmen immer mehr zu. Während die Mobberin, der Mobber, durch seine Aktionen seinen Handlungsspielraum erweitert, wird der Spielraum für das Opfer immer mehr eingeschränkt. Das Opfer kann am wenigsten selbst dazu beitragen, seine Situation zu verändern – es ist auf Unterstützung angewiesen.

Hier ist weder eine (Cyber-)Mobbing-Prävention noch -Intervention möglich! Als Notlösung – und weil Gefahr im Verzug ist – bleibt oft nur die Herausnahme des Opfers; teils mit katastrophalen Folgen, wenn es zu keiner aktiven Unterstützung kommt.

Anmerkung: Diese Phase habe ich in Österreich noch nicht erlebt!

(Cyber-)Mobbing: Kurzformel

Diese Kurzformel über den Gruppenprozess (Cyber-)Mobbing zeigt, dass diesem Gewaltphänomen nur mit einem Mehr-Ebenen-Programm – Fort-, Aus- und Weiterbildung von PädagogInnen, Eltern und SchülerInnen – wirksam und nachhaltig begegnet werden kann.

Wie mache ich das Richtige, richtig?

Professionalität ist die Antwort. Start-, Präventions- und bei Bedarf Interventionsmaßnahmen müssen aufeinander abgestimmt sein. Dazu braucht es neben einer umfassenden Präventions- und Interventionsausbildung zum Thema (Cyber-)Mobbing, ein hohes medienpädagogisches Wissen und zusätzlich eine persönliche Haltung und sehr viel Gefühl der(s) Präventions- und InterventionsexpertIn.

Paul Watzlawick, ein österreichischamerikanischer Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut, Soziologe, Philosoph und Autor hat einmal gesagt: „Wenn ich nur einen Hammer habe, werden alle Probleme zu Nägel!“

Multidimensionale Strategien

(Cyber-)Mobbing hat multifaktorielle Ursachen. Also erfordert die Lösung eine multifaktorielle Strategie. Dabei gilt es jeweils alle Dimensionen des Problems und deren Zusammenhänge zu berücksichtigen.

 

Günther Ebenschweiger
Präventionsexperte