Beiträge zur Zukunft

Österreichs Schande: Das bewusst produzierte Opfer!

Dezember 1, 2017 9:06 pm

Liebe Leserin, lieber Leser!

Die Entwicklung Österreichs berührt und bewegt mich. Umso mehr, als wir als Gesellschaft bewusst immer mehr Opfer „produzieren“ und ich mir wünsche, dass EntscheidungsträgerInnen endlich ihre Verantwortung wahrnehmen und einen Perspektivenwechsel einleiten.

Drei Beispiele meiner Arbeit aus dem heurigen Schuljahr!

Beispiel 1:
Schule, Klasse, SchülerInnen 13 Jahre, Thema: systemische Cybermobbing-Intervention. Bei der Vorstellungsrunde mit Namen und Hobbys erfahre ich, dass alle Buben Fußball und alle Mädchen Shoppen als Hobbys haben. Auf die Frage „Was stört mich in der Klasse?“ antwortet ein Viertel der SchülerInnen „andere SchülerInnen wollen gar nichts (mehr) lernen!“. Wir – zwei PädagogInnen, eine Sozialarbeiterin und ich – sind zu viert in der Klasse, um „unterrichten“ zu können. Das massive Opfer ist ein Kind (Jugendlicher) mit Förderbedarf!

Beispiel 2:
Schule, Klasse, SchülerInnen 14 Jahre, Thema: systemische Cybermobbing-Intervention. Die Vermutung des Klassenvorstandes bewahrheitet sich. Das massive Opfer, männlich, wird wegen seiner Religion (Muslim), seiner Herkunft und seiner Sprache seit vier Jahren gemobbt, muss z.B. Arbeiten, wie Getränke holen verrichten und ist von der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Beispiel 3:
Schule, Klasse, SchülerInnen 10 Jahre, Thema: „Sei stark – Kinder schützen und stärken bei häuslicher Gewalt“, ein vom Soroptimist International Club Fürstenfeld AquVin angebotenes Präventionsprogramm. Über eine Bildgeschichte erfahre ich, was Kinder zuhause mitmachen. Sie und Frauen als Mütter werden von unserer Gesellschaft übersehen – das Tabu „sexualisierte | häusliche | Mobbing als Gewalt“ steht weit über dem Opferschutz – und, wie die letzten Tage durch #meToo und im Sport zeigen: „Wer die Wahrheit benennt, ist schuldig!“

Österreichs Schande ist einzigartig in Europa, weil andere Staaten schon längst millionenschwere und professionelle Maßnahmen zur Primärprävention gegen sexualisierte und häusliche Gewalt, für (Cyber-)Mobbing-Prävention und -Intervention und für Radikalisierungsprävention ergriffen haben.

(Cyber-)Mobbing
Dieses Gewaltphänomen tritt im Zwangskontext, wie z.B. in Klassen, aber auch in Abteilungen, Firmen usw. auf und „braucht“ immer ein Machtungleichgewicht (Opfer ist hilflos und kann sich nicht wehren). MobberInnen werden vor allem Kinder | Jugendliche, die durch eine zu geringe Bindung in der Familie, durch zu wenig menschlicher Bedürfnisse (Liebe, Trost, Zeit, Lob, Verständnis, Achtsamkeit …), durch eine zu strenge oder gar keine Erziehung, durch fehlende Empathie ua. zu GewalttäterInnen in Schulen werden.

Häusliche Gewalt
Häusliche Gewalt zählt wie sexualisierte Gewalt zu den Gewalthandlungen mit den höchsten Opferzahlen. Vor allem im Dunkelfeld, weil „Wer die Wahrheit benennt, ist schuldig!“ wird, wie die letzten Tage zeigen, als Opfer brutal in die Öffentlichkeit gezerrt. Mediale „Ereignisorientiertheit“ steht ganz hoch im Kurs und ganz viel höher vor der „Lösungsorientiertheit“; auch hier ein absolutes Machtungleichgewicht!

Was lernen Opfer daraus?
Wenn ich nach vierzig Jahren den Mut habe, über sexualisierte und | oder häusliche Gewalt, (Cyber-)Mobbing oder über ein mir sonst erlittenes Unrecht zu reden, werde ich nochmals zum Opfer; wir nennen das Sekundärviktimisierung.

Fragen und Aussagen wie „Warum erst jetzt und nicht schon früher?“, „Wer weiß, ob das überhaupt stimmt?“, „Vielleicht hat das Opfer noch eine Rechnung mit irgend jemand offen?“, „Das kann nach so viel Jahren ja jeder behaupten!“, „Damals hat das sicherlich der Karriere geholfen!“, „So schlimm kann das nicht gewesen sein, wenn das Opfer erst jetzt an die Öffentlichkeit geht!“ und viele andere „persönliche Meinungen“ signalisieren vor allem Kinder, Jugendlichen und Frauen als Opfer, besser „den Mund zu halten“, als sich Hilfe zu suchen.

Auch hier das gleiche Bild! Es gibt vorwiegend für erwachsene Opfer Hilfe, aber – und das ist Österreichs Schande – erst nachdem man Opfer geworden ist.

Das heißt konkret, wir erlauben in Österreich jugendlichen (männlich und weiblich) und erwachsenen Gewalttätern (vorwiegend männlich) bewusst Opfer zu produzieren und bieten erst dann als Gesellschaft Hilfe an.

Eine große Schande, wenn man bedenkt, der höchste Risikofaktor um erwachsenes Opfer oder TäterIn zu werden ist, schon einmal als Kind, als Jugendlicher Zeuge von Gewalt oder Opfer von Gewalt gewesen zu sein.

Eine große Schande, weil uns in Österreich eine gemeinsame Haltung gegen Gewalt fehlt. Wenn immer es Kampagnen gibt, gibt es einen Schuldigen – den Mann – und die Reaktionen kennen wir ja, niemand will ein Schuldiger sein – also Abwehr statt Haltung, also weiter Gewalt statt Lösung, also weiter Intervention statt (und) Prävention.

Daher ist auch die Dunkel- und Opferziffer in Österreich so hoch und trotzdem ist – zumindest bis heute – niemand auf politischer Bundesebene verantwortlich dafür; Zuständigkeiten gehen vor Verantwortlichkeiten!

Ich würde mir daher wünschen, dass – am Beispiel Schule – nicht nur über Noten diskutiert wird, sondern darüber, wie wir die PädagogInnen, die Eltern und somit die SchülerInnen stärken können, um Opfer erst gar nicht entstehen zu lassen.

Das bedeutet, mehr Zusammenarbeit zwischen Eltern, SchülerInnen und PädagogInnen, mehr Vernetzung (persönlich und institutionell) zwischen allen PartnerInnen aus den Gesundheits-, Sozial-, Jugend- und Sicherheitsbereichen, das bedeutet aber auch mehr Offenheit, mehr Selbstdisziplin (oder besser Selbstreflexion) und weniger Schuldzuweisungen an andere Personen oder Institutionen.

Ich würde mich daher wünsche, dass – an den Beispielen sexualisierte und häusliche Gewalt, (Cyber)Mobbing und Extremismus – zusätzlich zu den unverzichtbaren Interventions- bzw. Deradikalisierungsangeboten, rasch primärpräventive Maßnahmen auf allen Ebenen interdisziplinär und multidimensional flächendeckend und mit einer dauerhaften Finanzierung über das Bundeskanzleramt gestartet werden.

Sexualisierte und häusliche Gewalt, aber auch (Cyber-)Mobbing und Extremismus sind Phänomene, die Kinder, Jugendliche und Familie, Bildung, Soziales, Gesundheit, Migration und Sicherheit betreffen und daher aus meiner Sicht, nur über den Bundeskanzler und somit ohne weitere Hierarchieebenen zu bewältigen sind.

Wenn – wie bisher – diese gesamtgesellschaftliche Aufgabe wieder auf die einzelnen Ministerien aufgeteilt wird (das nennt sich dann Verantwortungsdiffusion), sehe ich allerdings schwarz für die Zukunft hunderttausender noch Nicht-Opfer und Opfer in Österreich.

Günther Ebenschweiger
Präsident und Geschäftsführer

www.aktivpraeventiv.at
www.aktiv4u.at
www.beccaria.at
www.medienhelden.at
www.praeventionskongress.at

Meine Eltern interessiert das nicht!

September 27, 2017 6:40 pm


Achtsamkeit
Die Bepanthen-Kinderförderung und die Universität Bielefeld veröffentlichten eine neue Studie: „Achtsamkeit“ ist das Thema!

„Meine Eltern interessiert das nicht“:

Jedes dritte Kind in Deutschland fühlt sich unbeachtet und mangelnde Achtsamkeit kann gravierende Folgen für die Entwicklung des Kindes haben

Die aktuelle Studie „Achtsamkeit in Deutschland: Kommen unsere Kinder zu kurz?“ wurde von der Universität Bielefeld im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung durchgeführt.

Das Ergebnis ist beunruhigend: Fast jedes dritte Kind (31 Prozent) und jeder fünfte Jugendliche (17 Prozent) fühlen sich von ihren Eltern nicht beachtet. Das sind insgesamt 1,9 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland.

Mit gravierenden Folgen: Nicht beachtete Kinder und Jugendliche weisen Defizite in ihrem Selbstbewusstsein, Vertrauen, ihrer Lebenszufriedenheit und Empathiefähigkeit auf.

Professor Dr. Holger Ziegler warnt:
„Wenn Kinder das Gefühl haben, dass innerhalb der Familie nicht auf ihre Bedürfnisse eingegangen wird, ist das eine erschreckende Erkenntnis. Denn nicht vorhandene Achtsamkeit ist für die Entwicklung von Kindern so gravierend wie ein Leben in Armut.“

Das Gefühl der Geborgenheit geht verloren
Dagegen ist es bei den nicht beachteten Kindern fast ein Fünftel (19 Prozent), dem ein Gefühl von Geborgenheit fehlt. Bei den Jugendlichen geht die Schere noch weiter auseinander: 11 Prozent der beachteten und fast die Hälfte (46 Prozent) der nicht beachteten Jugendlichen empfinden keine Geborgenheit bei ihren Eltern.

 Empathie muss erfahren werden
Ein Ergebnis der Studie gibt den Bielefelder Forschern besonders zu denken: Nur 54 Prozent der befragten Kinder geben an, dass sie sich in andere hineinversetzen können und mit ihnen mitfühlen. Bei den nicht beachteten Kindern sind es sogar nur 40 Prozent, bei den Jugendlichen bedenkliche 29 Prozent.

Kinder bleiben mit ihren Ängsten allein
Auch das Teilen der eigenen Ängste und Sorgen gehört zu diesem Lern- und Erfahrungsprozess. Die Studie zeigt jedoch, dass Kinder und Jugendliche hier häufig allein bleiben. 29 Prozent aller befragten Kinder und sogar die Hälfte (48 Prozent) der nicht beachteten Kinder teilen ein konkretes Angstempfinden nicht mit den Eltern.

 

 

Gegensätze ergänzen; aber wie?

September 7, 2017 7:39 pm

Gegensätze ergänzen; aber wie?

ereignisorientiert vs. lösungsorientiert

Prävention ist eine „stille“ Arbeit; ist eine besondere Arbeit,
insbesondere für pro-aktive Menschen:

Prävention erfordert Begegnung, braucht multidimensionale Kompetenzen, verlangt Dialogbereitschaft, entspricht lebenslangem Lernen, bedingt pro-aktives Denken und Handeln, bedarf Lösungsorientierung, erfordert Geduld und Zeit und benötigt Vorausschau und Wissen um die kommenden „Trends“ uam.!

Prävention steht somit im Gegensatz zur heutigen Ereignisorientiertheit, die sich zumeist am „Verkauf“ – finanziell und | oder ideell – orientiert und nicht an wirksamen und nachhaltigen Lösungen.

Die zentrale Frage ist, wie können sich Ereignisorientiertheit und Lösungsorientiertheit ergänzen?

Kann Prävention auch Aktualität sein?
Kann Prävention auch Information sein?
Kann Prävention auch Interesse wecken?
Kann Prävention auch Schlagzeile sein?
Kann Prävention auch Spannung erzeugen?
Kann Prävention auch Sicherheit vermitteln?
Kann Prävention auch Zukunft bedeuten?
Kann Prävention auch Hilfe bedeuten?
Kann Prävention auch Spaß machen?
Kann Prävention auch Stärke bringen?
Kann Prävention auch Sparen helfen?
Kann Prävention auch Gesellschaft werden?

All das und vieles mehr kann Prävention und findet trotzdem keinen | kaum Zugang zu den österreichischen Medien, zur österreichischen Politik und damit zur österreichischen Gesellschaft!

Was also braucht Prävention „noch“, um es – und zwar regelmäßig – kompetent, verständlich, spaßig, informativ, helfend, spannend, interessant, aktuell …, in die österreichischen Medien und die österreichische Politik zu schaffen!

Gegensätze ergänzen; aber wie, ist die Gretchenfrage?