Beiträge zur Zukunft

Mobbing und Cybermobbing: 835 Anzeigen und 15.000 Opfer! – wie ist das möglich?

Juni 3, 2018 7:46 pm

Die Statistik des Jahre 2017 – es gab 835 Anzeigen wegen (schwerer) Körperverletzung – ist schon eine schlimme Zahl. Noch viel schlimmer und dramatischer sind aber die tatsächlichen Opferzahlen, die aus meiner praktischen Erfahrung – und die deckt sich sehr genau mit vielen Studien – in Österreich bei mind. 15.000 Opfern liegen dürfte.

Wie ist das möglich und wie konnte es dazu kommen, werde ich sehr oft gefragt. Die Antwort ist komplex, liegt aber in Österreich selbst begründet und trotzdem gebe ich niemand die Schuld. Jemanden die Schuld zuzuweisen bedeutet nichts anderes, als sich selbst um die eigene Verantwortung zu drücken!

Zu geringe Kompetenzen bei den Eltern
Es gibt praktisch keine Schulungen für Eltern zum Thema „Medienkompetenz“. Am Beginn meiner Seminare frage ich mit einer Methode die Eltern anonym ab, wie es ihnen zuhause mit diesem Thema geht. Sie haben nach den Schulnoten die Möglichkeit die Note 1 für „sehr gut“ bis zur Note 5 „überhaupt nicht gut“ hinzuschreiben und schreiben sehr oft die Noten 7 oder 8 für ihre Überforderung hin.

Die Kinder und Jugendlichen erzählen den Eltern und PädagogInnen nichts von ihrem Leiden, weil sie gerechtfertigter Weise falsche Reaktionen erwarten; wir sagen „gut gemachtes Mobbing | Cybermobbing erkennst du nicht“! Dabei wäre es „leicht“ Kinder, Jugendliche, Eltern und PädagogInnen soweit zu schulen, dass dieses „No-Go“ in der Peergroup ausgehebelt und das dadurch erst gar keine Opfer entstehen, oder den Opfern nicht erst nach vier oder sechs Jahren oder gar nie geholfen werden kann, sondern sofort!

Zu geringe Kompetenzen bei den MultiplikatorInnen
Dazu zählt der Bildungsbereich als Gesamtes. Die vielen – mittlerweile tausenden MultiplikatorInnen – sind jedes Mal sehr, sehr dankbar über Hilfestellungen für den Alltag; das gilt auch die tausenden Eltern, die ich in den letzten 15 Jahren betreut habe.

Keine Ansätze in den Gemeinden
Die (Groß-)Familie, die ich noch kenne, die gibt es kaum mehr. Daher verlagern sich die dafür erforderlichen Kompetenzen immer mehr hin zu den Gemeinden; zu den Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern. Das Interesse als kommende „Ersatzfamilie“ einzusteigen ist allerdings sehr gering. Während in Deutschland z.B. mit „CTC – Communities That Care“ – Prävention in den Gemeinden vernetzt, zielgenau und wirksam als Prävention nach Maß immer mehr „in Mode“ kommt, bleibt in Österreich alles beim Alten.

Ganzheitlich
Wir brauchen „ganzheitliche Ansätze“, um den tausenden Kindern und Jugendlichen helfen zu können. Das heißt, ich habe dafür die Trainerausbildung für „Medienhelden“, einem Präventionsprogramm für (Cyber-)Mobbing in Berlin und eine weitere Ausbildung zum „Zertifizierten Fachberater für systemische Mobbing-Intervention in Schule und Jugendhilfe“ in Stuttgart absolviert.

Das heißt konkret, es braucht nicht nur einem guten Mix an theoretischen Ausbildungen, sondern gleichsam ein profundes Praxiswissen, um erfolgreich zu sein und es erfordert darüber hinaus ein kompetentes Vernetzung- und Kooperationsmanagement auf Augenhöhe.

Kosten
Neben dem immensen Leid – ich konnte im Vorjahr (2017) 28 Opfern helfen und hatte im heurigen Schuljahr bisher nur eine Klasse in Kärnten in der kein Opfer saß – sind die Kosten für die sozialen, kognitiven und emotionalen Schäden bis hin zu schweren Traumata der Kinder und letztlich erwachsenen Opfer enorm und könnten mit mehr „Empathie“ seitens der Entscheidungsträger stark vermindert werden.

Zukunft
Ich bin ein durch und durch positiv denkender Mensch und habe – leider – trotzdem kaum Hoffnung, den Kindern, Eltern und MultiplikatorInnen quantitativ, also flächendeckend, helfen zu können. Diese Hoffnungslosigkeit, mit der ich seit über 30 Jahren kämpfe, liegt in unserer eigenen österreichischen Reparaturlogik begründet. Wir lassen die tausenden Opfer zuerst „in den Brunnen fallen“ und kommen dann – oft als „Aufdecker“  – daher und fordern strengere Strafen.

Ein absolut untaugliches Mittel im Kampf gegen jede Art und Form von Gewalt; von der sexualisierten bis zur häuslichen Gewalt, von Mobbing bis Cybermobbing und letztlich dem Extremismus. Das einzig wirksame Konzept um Änderungen in unserer Gesellschaft zu ermöglichen ist Prävention; auch wenn es dauert!

Seit über 30 Jahren versuche ich Ansprechpartner in Wirtschaft, Politik und Medien zu finden; das Ergebnis bis heute ist auf Bundesebene praktisch „NULL“!

Mein Einsatz für Menschen, dass sie nicht Opfer werden und für Menschen, die schon Opfer sind, wird weitergehen; auch wenn es manchmal nicht mehr ist, als der sprichwörtliche „Tropfen auf dem heißen Stein“!

Meinen Wunsch habe ich schon viele Male geäußert und mache das auch heute wieder: „Wir brauchen entweder auf politischer Bundesebene – angesiedelt beim Hr. Bundeskanzler und Hr. Vizekanzler – oder über die österreichische Wirtschaft gestützt, eine bundesweit tätige, interdisziplinär besetzte und ganzheitlich arbeitende Präventionsplattform zum Schutz und zur Stärkung unserer Kinder; und unserer Zukunft!

Günther Ebenschweiger
Präsident und Geschäftsführer

www.aktivpraeventiv.at
www.aktiv4u.at
www.praeventionskongress.at
www.praeventionspreis.at
www.beccaria.at
www.medienhelden.at
www.polizeipraxis.at

 

Chancenlos?

Mai 14, 2018 6:45 pm

Die Trauer, die Hoffnungslosigkeit und die Bestürzung sitzen bei mir jedes Mal wirklich tief, wenn ich nach einem zweitägigen „Sozial-Training“ an einer Schule – Volksschule, NMS, Gymnasium, Fachschule … – wieder ein, oft sogar zwei Opfer entdecken und Mobbing | Cybermobbing beenden konnte.

Auch wenn ich den Opfern helfen kann, auch wenn den Opfern Erleichterung ins Gesicht geschrieben ist, auch wenn nach vielen Tränen in der Klasse eine fühlbare Aufbruchsstimmung für die Zukunft spürbar ist und auch wenn die PädagogInnen und die betroffenen Eltern sich überschwänglich für die Hilfe bedanken, Tatsache ist, zumindest ein Kind, ein Jugendlicher war schon jahrelang Opfer von Mobbing | Cybermobbing.

Jahrelang – auch schon im Kindergarten – intensives Opfer von Beschimpfungen, Beleidigungen, sozialem Ausschluss, körperlichen Attacken bis zu Verletzungen, Verleumdungen, Diskriminierung uvm.

Die ehrlichen Aussagen und Angaben der Kinder und Jugendlichen, die ich auf einem, manchmal auch auf zwei Flipcharts mitprotokolliere zeigen von massiven seelischen, geistigen und körperlichen Angriffen und Verletzungen einzelner Kinder und Jugendlicher.

Die Frage dich ich mir täglich stelle ist, wann endlich bekommen diese tausenden Kinder und Jugendlichen als Schüler oder als Lehrlinge, aber auch die Eltern und PädagogInnen – im Grunde genommen alles Opfer unserer Zeit – eine professionelle, wirksame und nachhaltige Unterstützung?

Gesellschaftliche Veränderungen und damit die Reduktion von Opfern, Leid und Ohnmacht sind nur durch Prävention zu erreichen.

Nach über 30jährigem Präventions-Einsatz und nach fast 20jährigem ehrenamtlichen Engagement für die Menschen vor Ort, bleibt meine Energie für die Kinder und Jugendlichen, aber auch für die Eltern, PädagogInnen und MultiplikatorInnen ungebrochen.

 

 

Worte und Taten können Leben beenden!

Worte und Taten können Leben retten!

 

Lassen Sie Angst nicht lauter sprechen als Liebe

und unterstützen Sie die Kinder und Jugendlichen,

damit die Träume einer lebenswerten Zukunft wahr werden!

 

 

Günther Ebenschweiger
Präsident und Geschäftsführer

T: +43-676-4 25 4 25 4
M: [email protected]

W: www.aktivpraeventiv.at | www.aktiv4u.at | www.praeventionskongress.at | www.praeventionspreis.at | www.medienhelden.at | www.beccaria.at

Die hausgemachte Gewalt

Januar 26, 2018 8:03 pm

„Sei stark – Kinder schützen und stärken bei häuslicher Gewalt“ ist ein Projekt des Clubs Soroptimist International Fürstenfeld AquVin mit Aufklärung, Prävention, Intervention und Vernetzung.

Ich danke den Soroptimistinnen und auch den Eltern, Schulen, Kindern und SponsorInnen für die finanzielle und ideelle Unterstützung und für die Teilnahmen an diesem Mehrebenen und -phasen-Projekt, d.h. PädagogInnen- und Eltern-Schulung, Schüler-Workshops, Kindersprechstunde und Vernetzung mit Fachstellen.

Sackgasse
Häusliche Gewalt zählt mit sexualisierter Gewalt und damit mit Traumatisierung, Abhängigkeit, Schweigen, Isolation, Scham, Ohnmacht, Schuld, Ausgeliefertsein, Angst … heute zu den Gewaltformen mit hohen Fallzahlen und Dunkelfeldzahlen und ist trotzdem in einer hausgemachten Sackgasse angekommen.

Dabei begann in Österreich mit der Schaffung des Sicherheitspolizeigesetzes – §§ 38a ff – vor über 20 Jahren alles wunschgemäß!

Nach diesem ersten folgten aber bis heute keine weiteren wichtigen Schritte; beispielsweise primärpräventive Ansätze, eine gemeinsame gesellschaftliche Haltung zur Gewalt, niedrigschwellige Ansprech- und Beratungsstellen, Wahrnehmung der Kinder, auch wenn sie „nur“ mittelbar als Zeugen durch Gewalt betroffen sind, interdisziplinäre Zugänge für die Vorbeugung und den Schutz der Familien, gemeinsame Kampagnen und Interventionsansätze …; denn der wichtigste Risikofaktor, um wieder Opfer oder Täter zu werden ist – schon einmal Opfer gewesen zu sein (Weitergabe-Muster an die nächste Generation)!

Was brauchst aus meiner Sicht?

Liebe Leserin, lieber Leser!
Persönlich empfinde ich Bestürzung und auch Trauer für die tausenden kindlichen und erwachsenen Opfer beim Thema „häusliche Gewalt“ und Gewaltphänomen Nr. 1 in unserer Gesellschaft.

Im Grunde Fassungslosigkeit, weil ich unsere „lahme“ Haltung zur Gewalt generell und in Partnerschaften, das aktive und plakative Leben der Geschlechterrollen im Kontext Gewalt, die starre Zuweisung als Opfer und Täter (Frau und Mann), die Annahme mit „Reparatur“ werden wir die zukünftige Gewalt reduzieren, das Durchführen von millionenschweren Kampagnen ohne die gesellschaftlichen Realitäten zu berücksichtigen, das „den Kopf in den Sand stecken, anstatt zu handeln“ uvm. nicht verstehen kann und will!

Meine Wünsche!

Um Opfer zu reduzieren und Opfern zu helfen wäre mir wichtig

  1. ein neues Verständnis für Gewalt-Prävention z.B. in Schulen, als Partner der Intervention, weil wir damit mit einem professionellen Mehrebenen und -phasenmodell heutige und zukünftige Generationen davor bewahren können, Opfer und | oder TäterInnen zu werden;
  2. Förderungen für (primäre) Prävention derzeit zusätzlich zu den Interventionsansätzen, weil es ein paar Jahre dauern wird, die Gewalt in der Gesellschaft zu thematisieren und die Opfer zu reduzieren;
  3. ein neues Verständnis und neue Kooperationen für mediale Unterstützung;
  4. eine gesellschaftliche Haltung zu (häuslicher) Gewalt; Gewalt ist nicht tolerierbar, ist nicht zu akzeptieren und durch nichts zu rechtfertigen. Solange wir darüber diskutieren, ob eine Ohrfeige Gewalt ist oder nicht, solange unterstützen wir damit die Rechtfertigungsstrategien der TäterInnen;
  5. Kampagnen, die beide Geschlechter berücksichtigen! Wenn Frauen als Opfer und Männer als Täter postuliert werden, werden auch in Zukunft Frauen Opfer und Männer Täter bleiben;
  6. weg mit den „triggernden“ Fotos. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn selbst in Kampagnen gegen Gewalt nach wie vor Opfer-Fotos verwendet werden; pure Trigger für Opfer und eine Schande für die, die so was trotz besseren Wissens noch einsetzen;
  7. neue Formen von persönlicher Beratung. Die Hemmschwelle für Opfer, sich an jemanden zu wenden, ist riesig. Mitentscheidend ist, die sachliche Aufklärung am besten vor Ort, ohne Druck und das Verständnis für die Situation;
  8. eine akzeptierende gesellschaftliche Haltung zu Opfern und auch TäterInnen. Wenn eine Frau den Mut hat, in ihrem Umfeld jemanden davon zu erzählen, „erntet“ sie vor allem Mitleid, dann folgen die Fragen „warum erst jetzt“ und „warum hast du dir das gefallen lassen und dich nicht gewehrt“ und sehr oft wird ihr nicht geglaubt, wenn sich ein Mann als Opfer „outet“ ist er ein Schwächling, ein Weichei und wird als unmännlich angesehen und wenn sich TäterInnen an die Öffentlichkeit wenden, werden sie als „Monster abgestempelt. „Wer die Wahrheit benennt ist schuldig“ oder nach einem arabischen Zitat „Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd“ sind heute leider mehr als zutreffend.

Es wird von uns allen – ganz besonders aber von den Medien, der Politik und der Wirtschaft – abhängen, ob es das folgenschwere Thema „häusliche Gewalt“ in den Blickpunkt der Gesellschaft schafft oder wir weiterhin „mithelfen“ tausende kindliche und erwachsene Opfer zu „produzieren“ und unsere Zukunft damit nachhaltig zu schädigen!

 

Die Fakten in Stichworten

Aufwachsen im Kontext von Gewalt
Wenn Gewalt und Willkür den Ort, wo Sicherheit und Geborgenheit erlebt werden sollte, beherrscht, können Kinder in ihrem Vertrauen grundlegend erschüttert und in ihrer Entwicklung und Entfaltung massiv beeinträchtigt werden. (Strasser 2006)

„Gesicherte“ Aussagen zur Epidemiologie
Die Dimensionen von Kindesmisshandlung sind enorm, multiple Viktimisierung ist eher die Regel, Vernachlässigung ist dabei die häufigste Form der Misshandlung und Mädchen werden häufiger sexuell missbraucht!

Identität und häusliche Gewalt
Das Selbst- und Miterleben häuslicher Gewalt bedeutet für Kinder eine tiefgreifende emotionale Verunsicherung, die sich in der gesamten Entwicklung der Kinder widerspiegelt!

Folgen für Kinder allgemein
Mindestens 80 Prozent der Kinder erscheinen allein durch Zeugenschaft deutlich belastet, das Risiko psychischer Erkrankungen ist verdreifacht, es gibt mehr internalisierende (stille) als externalisierende (laute) Störungen und das Risiko für eine akute Belastungsstörung, bis zu Traumatisierung (PTSD) und Traumafolgestörungen ist hoch!

Formen des Miterlebens häuslicher Gewalt
Die Anwesenheit im Raum während der Gewalttätigkeit, das Erleben der Aus- und Nachwirkungen der Gewalt in Form von Verletzungen oder Verzweiflung der Mutter, die Instrumentalisierung der Kinder als Druckmittel gegenüber der Mutter als Mittel der Gewalt und das Miterleben der emotionalen und psychischen Misshandlung der Mutter in Form von Demütigung, Kontrolle und Verachtung!

Spannungsfelder der Kinder
Die Kinder sind auf sich allein gestellt, da die Eltern vom Konflikt absorbiert sind, sie versuchen die Gewalt zu verhindern; räumen auf; versorgen die Wunden, sorgen sich um (jüngere) Geschwister, sind isoliert, „wahren“ das Familiengeheimnisses und haben entsprechende Loyalitätskonflikte!

Gewaltopfer sind …
… extrem misstrauisch und ängstlich, haben kein Selbstvertrauen, ohnmächtig, meist ausgeprägte psychische Symptome (Schlaflosigkeit, Albträume, innere Unruhe, Depressivität, Ängstlichkeit, Schwierigkeiten im Sozialkontakt …) und oft Schmerzen (Rücken, Kopf)!

Ohne Resonanz in Beziehungen gibt es keine normale Entwicklung, kein Gefühl für und keine Vorstellung von Sicherheit!

Bilanz:
Insgesamt lassen sich die Kosten für häusliche Gewalt relativ präzise schätzen. Man gelangt so zu Kosten von rund 200 Millionen Euro pro Jahr.

 

Günther Ebenschweiger
Präsident und Geschäftsführer