Beiträge zur Zukunft

Wie aus „Rot-Weiß-Rot“ (hoffentlich nicht) „Schwarz-Weiß“ wird!

November 23, 2018 9:57 pm

In meiner Arbeit vor Ort bei (Kindern) Jugendlichen und Erwachsenen wird offensichtlich, dass sich das soziale Klima stärker polarisiert hat. Vorurteile und Diskriminierung werden zunehmend salonfähig und damit scheinbar immer „normaler“ und gefährlicher.

Der vermutete Hintergrund
War es zuerst die öffentlichkeitswirksame Inszenierung der Islamisten | Dschihadisten des Kampfes, des Krieges, des Tötens, so sind heute westeuropäische Gesellschaften mit einer deutlichen Zunahme rechtsextremer und islamistischer SympathisantInnen konfrontiert. Dies geht einher mit einem starken Anstieg von Hasskriminalität beider Lager; rassistische Hasskriminalität ist geradezu zum bitteren Alltag geworden.

Rechtsextreme wie islamistische AkteurInnen agieren aber nicht in einem Vakuum. Sie versuchen, über verschiedene Mittel polarisierend auf den gesellschaftlichen Diskurs einzuwirken. Ihr Ziel ist es, Grauzonen zu eliminieren und abweichende Lebensformen durch die Unterordnung unter kollektive Zwänge auszuschließen und versuchen somit bewusst, das soziale Miteinander in unserer Gesellschaft für ihre Zwecke zu unterminieren.

Herausforderung des Staates | der Gesellschaft
Öffentliche Debatten um den Einfluss von Rechtsextremismus und Islamismus sind unweigerlich verbunden mit der Frage nach Sicherheit, Gefahrenabwehr und Gegenmaßnahmen. Allerdings blendet die reine Fixierung auf politische Gewalt die Vielfältigkeit und Alltäglichkeit rechtsextremer und islamistischer Menschenfeindlichkeit aus, die sich vom Vorurteil über die Abwertung anderer Gruppen bis zu Hassverbrechen und Terrorismus steigern kann und – meine Meinung – dann Erfolg haben wird, wenn es auf einem breiten gesellschaftlichen Fundament aufbaut!

Der Staat bzw. die Gesellschaft bleiben indirekt oder implizit Adressat des Handelns beider Spektren. Sowohl rechtsextreme als auch islamistische Gruppen versuchen, durch ihr öffentlichkeitswirksames Auftreten staatliche und | oder gesellschaftliche Reaktionen zu provozieren und so eine Legitimität für ihr Handeln zu erlangen.

Ein Unglück kommt selten allein.
So sagt es der Volksmund. Und tatsächlich scheint es mit Blick auf menschenverachtende Einstellungen und Handlungen so, dass sich reaktionäre Weltanschauungen verstärken, je mehr sie sich durch eine vermeintliche Gegenbewegung bestätigt fühlen.

Dieses Phänomen offenbart sich seit der zunehmenden Aufmerksamkeit für islamistische Gewalttaten in Europa am Wechselspiel zwischen Rechtsextremismus und radikalem Islamismus. Die Energien des jeweiligen „Partners“ übertragen sich auf die Handlungen des anderen und diese menschenfeindliche Entwicklung hat eine neue Dynamik angenommen, die ihre demokratischen und menschenrechtsbasierten Fundamente einer harten Probe unterzieht.

Die Spirale durchbrechen
Es ist zu befürchten, dass islamistische sowie rechtsextreme Einstellungen und Handlungen weiter an Virulenz gewinnen werden.

Je mehr Fragen um nationale Sicherheit, Identität oder „Leitkultur“ sowie die damit verbundene – tatsächliche oder zumindest wahrgenommene – Ausgrenzung im Fokus des öffentlichen Diskurses stehen, desto stärker können Identitätskonflikte von islamistischen und rechtsextremen Akteuren für ihre eigenen Zwecke verschärft werden.

Wir haben es somit mit einem Phänomen zu tun, das den Zustand der Gesellschaft massiv beeinflusst, da bewusst Misstrauen gegen Minderheiten geschaffen wird, was Wasser auf die Mühlen der Extremisten ist und gewaltig an den Grundfesten einer offenen Gesellschaft rüttelt.

Es muss somit darum gehen, eine Sensibilisierung für das strategische Vorgehen beider Seiten zu entwickeln, um reflektiert intervenieren zu können.

Verstehen wir also Islamismus und Rechtsextremismus als zwei Seiten von Menschen- und Demokratiefeindlichkeit, muss eine Interventions- und Präventionspraxis beide Phänomene relational in Bezug nehmen und den Kreislauf einer Verstetigung geschlossener Weltbilder durchbrechen, denn trotz der unterschiedlichen Zielsetzungen treffen sich Islamisten und Rechtsextreme letztlich am gleichen Punkt: Der Unterminierung einer offenen, vielfältigen Gesellschaft!

Zumeist haben wir es mit Scheingefechten zu tun
 „Wir befinden uns im Krieg. Ein Krieg, der gegen uns geführt wird.“ Diese Aussagen finden wir bei Extremisten beider Seiten. In der rechtsextremen und islamistischen Propaganda ist es stets 5 vor 12: Die ständige Aufrechterhaltung eines Bedrohungsszenarios wird als Gefahr konstruiert, um mehr Gehör in der Öffentlichkeit zu finden.

Während Islamisten demokratische Strukturen und Denkweisen als eine „falsche Religion“ ablehnen, die unvereinbar mit dem Glaubensbekenntnis zu Allah ist, diskreditieren Rechtsextreme demokratisches Denken als Symptom des Niedergangs von Volk und Nation.

Dieser menschenfeindliche Ansatz wird letztlich zulasten der demokratischen Gesellschaft ausgetragen!

 

Präventionsansätze

Das heißt, Präventionsansätze müssen alle Jugendliche und jungen Erwachsenen – und nicht nur entweder politisch rechts, links | oder religiös – erreichen!

Ursachen von Radikalisierungen sind vielfältig, daher müssen Präventionsansätze auf verschiedenen Ebenen ansetzen und unterschiedliche Handlungsfelder zusammenbringen!

Nachhaltige Prävention und Intervention müssen diese Ebenen abbilden und Präventionsprojekte müssen Vernetzung mitdenken!

Präventionsarbeit ist politisch – und muss gesellschaftliche Zusammenhänge sichtbar machen!

Die Gesellschaft ist die Zielgruppe von Präventionsarbeit, um nicht von „Rot-Weiß-Rot“ ins „Schwarz-Weiß“ zu kippen!

 

Günther Ebenschweiger

(siehe auch „Wissen schafft Demokratie“ 03-2018)

Wenn Opfer verhöhnt werden

November 8, 2018 6:48 pm

 

Das sechsjährige Mädchen aus Südengland ist aktuell ein Mobbing-Opfer von tausenden Mobbing-Opfern in Europa. Wie üblich gibt es nach solchen Medienberichten sofort Wortmeldungen von einzelnen, aber auch von Organisationen, die medial darauf hinweisen, viel für solche Opfer in Schulen zu tun oder Ansprechpartner zu sein.

Und Medien „unterstützen“ diese Form der Öffentlichkeitsarbeit | Werbung und lösen damit möglicherweise unbewusst „Trigger“ aus oder die Texte, Bilder, Worte … führen zu einer „Sekundärviktimisierung“ der Opfer.

Kurz:
Trigger bedeutet, Opfer erleben durch Text, Bild, Sprache … emotional die Tat so, als wäre diese mit dem damit verbundenen Stress real und Sekundärviktimisierung meint, ein Mobbing-Opfer wird durch die Erkenntnis, dass ihr | ihm, obwohl angekündigt, wieder niemand hilft, erneut zum Opfer.

Das ist eine „Verhöhnung der Opfer“, weil es in Österreich tatsächlich kaum professionelle, wirksame, nachhaltige und vernetzte Angebote gibt und – wenn man sich mit diesem Thema intensiv auseinandersetzt – vor der Schule, auf die Verantwortung der Eltern aufmerksam machen muss.

Es stellen sich die einfachen Fragen, „Warum kommt es immer öfter zu Mobbing?“, „Warum bemerken Eltern davon nichts?“ und „Warum erzählen Kinder ihren Eltern davon nichts?“.

Die Gründe sind sicherlich vielfältig und kurz zusammengefasst doch eindeutig:
Die deutsche Achtsamkeitsstudie aus 2017 zeigt auf, dass sich jedes dritte Kind unbeachtet fühlt und das mit gravierenden Folgen; Kinder und Jugendliche weisen Defizite in ihrem Selbstbewusstsein, im Vertrauen, ihrer Lebenszufriedenheit und Empathiefähigkeit auf – das Gefühl der Geborgenheit geht verloren und die Kinder bleiben mit ihren Ängsten allein.

Es kommt daher

mittlerweile sehr oft zu Mobbing – aus meiner eigenen Erfahrung ab der 3. und | oder 4. Volksschulklasse – , weil Kinder diese fehlenden menschlichen Grundbedürfnisse wie Liebe, Anerkennung, Wertschätzung, Lob, Bindung immer weniger zuhause erfahren und sich als MobberIn in der Klasse (Peergroup) „(zurück-)holen“;

bei MobberInnen und Mobbingopfern auch immer weniger Vertrauen zu den Eltern besteht;

dadurch die Mobbing-Opfer nicht mit den Eltern darüber reden, sondern oft jahrelang schweigen und

Eltern aus diesen Gründen auch nichts bemerken.

Mobbing ist ein phasenorientiertes Gewalt-Phänomen, das durch nichts zu rechtfertigen, durch nichts zu tolerieren und durch nichts zu akzeptieren ist und hat grundsätzlich nichts mit der „Schule“, sondern mit Klassen im Sinne von „Zwangskontext“ zu tun.

Und – das werde ich auch immer gefragt – es hat mit „Machtungleichgewicht“ in den Klassen zu tun, wobei die Klasse als „Peergroup“ eine zentrale Rolle spielt. Ein Machtungleichgewicht entwickelt sich dann, wenn eine Schülerin, ein Schüler, sich nicht gegen die vielen – vorerst meist „kleinen“ und folgenden brutalen Menschenrechtsverletzungen, aus welchen Gründen immer – verteidigen kann; und daher kann es alle treffen!

Um (Cyber)Mobbing als massive Gewaltform zu reduzieren, müsste auf mehreren Ebenen in der Prävention und Intervention angesetzt werden: Eltern, PädagogInnen und Kinder | Jugendliche. Ohne zusätzliche systemische Intervention zur Prävention ist ab der 3. Klasse Volksschule praktisch jeder Einsatz eine „Verhöhnung der Opfer“, weil damit Mobbing-Opfer praktisch nicht identifiziert werden können.

Meine abschließende Bitte richtet sich an die Medien, nicht mitverantwortlich zu werden, bei tausenden Opfern – auch bei sexualisierter Gewalt, häuslicher Gewalt, Mobbing … – mögliche Trigger und | oder Sekundärviktimisierung zu erzeugen, sondern auch zu hinterfragen, ob Organisationen tatsächlich das Rüstzeug, wie zum Beispiel die erforderlichen Ausbildungen dazu haben und auch zeitliche und finanzielle Ressourcen dafür einsetzen oder eben nur die Gunst der Stunde eines Opfers für sich als „Werbung“ nutzen!

Wer sich zu diesem Thema tatsächlich für Antworten und eine unmittelbare und wirksame Unterstützung der Opfer interessiert, hat noch die Möglichkeit, sich für den 7. Österreichischen Präventionskongress am 12. und 13.11.2018 in Graz anzumelden und Franz Hilt an beiden Tagen zu erleben!

Günther Ebenschweiger

www.praeventionskongress.at

Der Weg über die Radikalisierung zum Extremismus

Oktober 14, 2018 8:35 pm

Der Weg über die Radikalisierung zum Extremismus
Ein komplexes Thema zusammengefasst

Radikalisierung beschreibt einen Weg, einen Prozess – beginnend bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen – der sich je nach Entwicklung zuspitzen kann; aber nicht muss!

ExpertInnen beschreiben das beispielsweise als „Fließband“, auf das in der Entwicklung immer mehr Probleme gelegt werden, oder auch als „Treppe“, wo man durch zunehmende Defizite immer höher steigt oder auch als „Dreieck“, das unten breit beginnt und sich durch verschiedene Brüche im Leben immer mehr zuspitzt.

Kompakt heißt das

  1. Radikalisierung ist immer individuell;
  2. der Prozess endet nicht automatisch im Extremismus;
  3. die Gründe sind vielfältig und spannen sich über Themen wie Soziales, Bildung, Sicherheit, Kind-, Jugend und Familie- und Gesundheit und sind am besten
  4. über interdisziplinäre Zugänge zu bewältigen.

Rechtsextremismus und Islamismus

Wenn wir von Extremismus als letzte, höchste oder verengte Stufe reden, dann sprechen wir von Rechtsextremismus und | oder von Islamismus.

Beide Extremismen bedingen sich gegenseitig, d.h. radikaler Islamismus und organisierte Muslimfeindlichkeit, der unter anderem in der Gestalt von Rechtsextremismus auftritt, entfalten eine symbiotische Wirkung.

Beide negieren und demontieren demokratische Grundwerte wie die Unantastbarkeit der Menschenwürde und die Religionsfreiheit. Mehr noch: Rassismus gegen MuslimInnen bereitet den Boden für die Radikalisierung durch islamistische Fundamentalisten.

Nach Magnus Ranstorp: Gewalttätiger Extremismus kann am besten begrifflich erklärt werden als ein Kaleidoskop von Faktoren, die unzählige individuelle Kombinationen bilden.

1) indivduelle sozio-psychologische Faktoren;
2) soziale Faktoren;
3) politische Faktoren;
4) ideologische und religiöse Dimensionen;
5) die Rolle der Kultur und Identitätsthemen;
6) Trauma und andere Triggermechanismen

und drei weitere Faktoren, die ein Motor für die Radikalisierung sind:

7) Gruppendynamik;
8) Radikalisierer | Rattenfänger und
9) die Rolle von Social Media.

Es ist das kombinierte Zusammenspiel von einigen dieser Faktoren, welches gewalttätigen Extremismus verursacht.

Es muss somit darum gehen, eine Sensibilisierung für das strategische Vorgehen beider Seiten zu entwickeln, um reflektiert intervenieren zu können. Denn wer sich nur auf eine Seite konzentriert, „verkennt die Gefahr, die europäischen Gesellschaften dadurch droht, dass sich Dschihadisten und Extremisten am rechten Ende des Spektrums gegenseitig hochschaukeln“.

Verstehen wir also Islamismus und Rechtsextremismus als zwei Seiten von Menschen- und Demokratiefeindlichkeit, muss eine Interventions- und Präventionspraxis beide Phänomene in Bezug nehmen und den Kreislauf einer Verfestigung geschlossener Weltbilder durchbrechen.

Radikalisierungsmechanismen sind ein Produkt des Zusammenspiels zwischen „push- und pull-Faktoren“ zwischen den Individuen. Es ist wichtig zu erkennen, dass es verschiedene Grade und Geschwindigkeiten des Radikalisierungsprozesses gibt.

Die Push-Faktoren involvieren soziale, politische und wirtschaftliche Missstände, ein Gefühl der Ungerechtigkeit und Diskriminierung, persönliche Krisen und Tragödien, Frustration, Entfremdung, eine Faszination für Gewalt, das Suchen nach Antworten für den Sinn des Lebens, eine Identitätskrise, soziale Ausgrenzung, Marginalisierung, Unzufriedenheit mit demokratischen Prozessen, Polarisierung etc.

Die Pull-Faktoren sind eine persönliche Suche, ein Gefühl zu einem Grund, einer Ideologie oder einem sozialen Netzwerk zu gehören, Macht und Kontrolle, ein Gefühl von Loyalität und Commitment, ein Gefühl von Aufregung und Abenteuer, eine romantisierte Ansicht von Ideologie und Grund, die Möglichkeit zum Heldentum, persönliche Erlösung, etc.

Zusammengefasst bedeutet das:
Wer Demokratie und das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft in Europa bewahren will, braucht einen Präventionsansatz, der den Zusammenhang zwischen allen Formen der Radikalisierung versteht.

Beide Seiten müssen zusammengedacht werden, um die Prozesse wechselseitiger Radikalisierung und gesellschaftlicher Polarisierung zu stoppen!

Dazu zwei Angebote:

a) absolut | extrem | radikal: was ist problematisch?
Handlungssicherheit statt Handlungsohnmacht
Ein Ganztages-Seminar für MultiplikatorInnen! Oft kommt es in der praktischen Arbeit darauf an, die „Kippstellen“ von „problematischen“ Positionierungen zu identifizieren: An welcher Stelle „kippt“ eine legitime Position in eine ideologische, wo wird aus einer Kritik eine Abwertung, ein Feindbild oder sogar eine Straftat?

b) Der 7. Österreichische Präventionskongress „Prävention und Qualität – Zwei unverzichtbare Erfolgsfaktoren für unsere Zukunft“
am 12. und 13. November 2018 in Graz; www.praeventionskongress.at